Schlafen im Ausnahmezustand: Was passiert, wenn das Nervensystem auf Dauer-Alarm schaltet?

Schlafen im Ausnahmezustand: Was passiert, wenn das Nervensystem auf Dauer-Alarm schaltet?

Willkommen beim Besser Schlafen Podcast

Folge #175

Wenn wir uns mit Schlaf beschäftigen, geht es meistens um Raumtemperatur, die passende Matratze, Melatonin oder die richtige Abendroutine. All diese Faktoren setzen jedoch eine biologische Voraussetzung voraus, die wir in Mitteleuropa oft als selbstverständlich betrachten: ein grundlegendes Gefühl von Sicherheit. Was geschieht mit der menschlichen Regeneration, wenn diese Sicherheit von einer Sekunde auf die andere wegfällt?

Wer sich im unmittelbaren Umfeld eines Kriegsgebiets aufhält, erlebt eine völlig andere Form der Nacht. In Orten wie Saporischschja steuern Warn-Apps das Ausmaß der nächtlichen Unruhe. Sobald Drohnen oder Raketen in der Region geortet werden, ertönt über das Smartphone ein schriller Bendersound.

Wie schläft man, wenn nachts die Warnsirenen schrillen?

In dieser Episode des Besser Schlafen Podcasts habe ich mich mit Barbora Marakova unterhalten. Sie ist Gründerin des Vereins Fray e.V. sowie einer Event-Agentur, die humanitäre Hilfsprojekte finanziert. Barbora war für die UNO und nationale NGOs an der slowakisch-ukrainischen Grenze, in Flüchtlingscamps auf der Balkanroute und zuletzt 30 Kilometer von der Frontlinie in der Ostukraine entfernt. Ihre Erlebnisse zeigen eindrücklich, wie eng Schlaf mit unserer Umgebung und unserem Nervensystem verwoben ist.

Barbora beschreibt den Schlaf in der Ukraine

Barbora beschreibt die Phasen im Bett dort als eine Art Dauer-Wachschlaf. Das Gehirn schaltet die Überwachungsfunktion nie vollständig ab. Man schlummert zwar ein, doch das Unterbewusstsein scannt ununterbrochen die Geräuschkulisse. In diesem Modus fehlen die tiefen, ununterbrochenen Schlafzyklen fast völlig, weil der Körper in ständiger Bereitschaft verharrt, innerhalb von Sekunden Schutz zu suchen.

Gewöhnt sich das menschliche Gehirn an den dauerhaften Notstand?

Das Nervensystem besitzt eine erstaunliche Fähigkeit zur Anpassung. Bei den Menschen vor Ort beobachtete Barbora, dass sie Sirenen und Benachrichtigungen nach Jahren des Krieges teilweise stummschalteten oder kaum noch darauf reagierten.

Das bedeutet keineswegs, dass die äußere Bedrohung nachlässt. Das Gehirn schützt sich vielmehr selbst vor einer permanenten Reizüberflutung. Während Besucher bei jedem weit entfernten Grollen aufschrecken, bewahren die Einheimischen eine pragmatische Ruhe im Alltag. Diese Haltung hilft beim Überleben, spiegelt aber auch wider, wie stark Dauerstress zur gewohnten Realität werden kann.

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Dürfen wir uns über schlechten Schlaf beklagen, während woanders Krisen herrschen?

Wer sich mit den Zuständen in Krisengebieten befasst, spürt schnell eine Form von Weltschmerz. Es liegt nahe, die eigene unruhige Nacht als belangloses Luxusproblem abzutun.

Aus Barboras Sicht greift dieser Vergleich jedoch zu kurz. Jede Lebensrealität hat ihre eigene Gültigkeit. Wenn die eigene Hose kneift, der Kopf vor dem Montagmorgen kreist oder das Kissen genervt hat, bleibt dieses Empfinden in diesem Moment wahr. Niemandem in einem Krisengebiet ist geholfen, wenn wir Schuldgefühle wegen unseres sicheren Bettes entwickeln. Entscheidend ist das Bewusstsein für die eigenen Privilegien, nicht das schlechte Gewissen.

Was können wir tun, wenn wir in Sicherheit leben?

Der Blick muss gar nicht immer in weit entfernte Gebiete gehen. Auch im direkten Umfeld gibt es Menschen, die aufgrund von häuslicher Gewalt, Ängsten oder existenziellen Sorgen nachts keine Ruhe finden.

Der wirksamste Beitrag im Alltag liegt in einer begegnenden Empathie ohne schnelles Urteil. Wir sehen bei Fremden in der Bahn oder auf der Straße immer nur einen winzigen Ausschnitt ihres Lebens und kennen ihre Rucksäcke nicht. Wer dem Umfeld mit mehr Zugewandtheit und Mitgefühl begegnet, nimmt Druck aus dem Miteinander. Manchmal reicht ein einziges zugewandtes Gespräch, um einer anderen Person die nötige Kraft für den nächsten Schritt zu geben.

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